Wie erleben Sie im Apothekenalltag das Miteinander mit behinderten Menschen?

Ich nehme meine Mitarbeiter nicht als Menschen mit Behinderung wahr, sie hören nur nicht. Das kann auch ein Vorteil sein, sie lassen sich schwerer ablenken. Das mit dem Telefon ist dafür schwierig. Das stimmt. Wir haben uns aber schon sehr aneinander gewöhnt, sodass es gar nicht mehr auffällt.

Wie kam es dazu, dass Sie gehörlose Menschen beschäftigen?

Ein Freund von uns, der genau wie mein Mann Cellist ist, machte sich Sorgen um seinen gehörlosen Sohn. Ich habe ihm angeboten, ihn zum pharmazeutisch-kaufmännischen Assistenten auszubilden, wenn er sich dafür interessiert. Das war aber anfangs gar nicht so einfach, denn David beherrschte die Gebärdensprache nicht gut. Schließlich kam Tolga, ein weiterer Gehörloser. Mit Tolgas Hilfe ist David dann viel besser in der Gebärdensprache geworden. Beide haben erfolgreich den Lehrabschluss geschafft und sind mittlerweile ein fixer Bestandteil des Teams.

Mit Herrn Dolanc beschäftigen Sie auch einen gehörlosen Apotheker.

Ja, sogar den einzigen in Europa. Sreco hat in Ljubjlana Pharmazie studiert und durch Zufall einen Artikel über unsere Apotheke gelesen. Er ist auf gut Glück nach Wien gefahren und hat gefragt, ob ich ihn nicht einstellen will. Noch während er sein Studium beendet hat, haben wir begonnen gemeinsam zu überlegen, wie wir ihn am besten einbinden könnten. Dann folgte der Beschluss, etwas für gehörlose Menschen in Wien zu unternehmen. Viele Gehörlose leben sehr zurückgezogen, sich ihr Vertrauen zu erarbeiten ist harte Arbeit. Es ist immer wieder überwältigend, welches Vertrauen Sreco in der Community genießt. Es ist für gehörlose Menschen einfach eine wahnsinnige Erleichterung, in Gebärdensprache kommunizieren zu können. Man darf nicht vergessen, dass diese Gruppe in ihrer Sprache so gut wie keinen Zugang zum Gesundheitssystem hat. Bei den Barmherzigen Brüdern gibt es in der Ambulanz eine hörende Ärztin, die die Gebärdensprache beherrscht. Das ist aber eine absolute Ausnahme.

Bei Ihnen in der Apotheke beherrschen aber auch andere MitarbeiterInnen die Gebärdensprache.

Ja, denn es wäre langweilig, wenn wir immer nur schreiben könnten. Wir haben daher von Anfang während der Arbeitszeit Kurse angeboten. Das ist bei den meisten Mitarbeitern ganz gut angekommen: Man muss schon etwas extrovertiert sein, um gut gebärden zu können – es braucht eine deutliche Mimik und bewusste Körpersprache. Das macht das Verstehen sehr viel einfacher.

Wie haben die offiziellen Stellen Sie unterstützt?

Einerseits war es nicht immer ganz einfach in der Ausbildung unserer Lehrlinge und bei der Bewilligung der Arbeitserlaubnis. In anderen Bereichen hat das aber sehr gut funktioniert. Das Sozialministerium hat uns super unterstützt. Nach längerem Überlegen sind wir darauf gekommen, dass wir auch eine optische Brandmeldeanlage brauchen. Die Kosten dafür haben sie übernommen. Es gibt auch eine Dolmetscherin, die Sreco Dolanc acht Stunden pro Woche im Verkauf unterstützt. Das ist ziemlich teuer. Die Kosten dafür werden aber übernommen.

Warum glauben Sie, gibt es bei UnternehmerInnen eine so große Hemmschwelle, Menschen mit Behinderung einzustellen?

Viele denken erst darüber nach, wenn Sie die Ausgleichstaxe(1) bezahlen müssen. Ich glaube auch, dass viele sehr verunsichert sind. Ich kenne das eben im Fall von gehörlosen Menschen. Um erfolgreich damit umzugehen, muss man schon sehr authentisch sein. Chefs wollen sich keine Blöße geben, sind immer super und haben immer Recht. Beim Umgang mit Gehörlosen muss man aber bereit sein, sich zu exponieren. Ich glaube, viele Menschen sind das nicht. Das ist sicher nicht der einfachste Weg und es braucht Herzblut dafür. Für mich war das aber völlig begeisternd und hat schlussendlich super gepasst.

 

(1) Unternehmen, die 25 oder mehr DienstnehmerInnen beschäftigen, sind verpflichtet, auf jeweils 25 Beschäftigte einen Menschen mit Behinderung einzustellen. Wenn die Beschäftigungspflicht nicht erfüllt ist, wird dem/der Dienstgeber/in eine Ausgleichstaxe vorgeschrieben.