Sie setzen sich seit vielen Jahren für Asylwerber und Flüchtlinge ein. Was war und ist Ihre Hauptmotivation dabei?

Weil ich der Überzeugung bin, dass es unsere Verpflichtung ist, diesen Menschen zu helfen. Die Flüchtlinge brauchen Unterbringung, Verpflegung und in weiterer Konsequenz Arbeit.

Auch mittellose Österreicher kommen zu mir. Ich mache hier keinen Unterschied, mir ist das egal – ein Mensch ist ein Mensch. Ich habe ja immer schon gehofft, mit meiner Tätigkeit in gewisser Weise einmal überflüssig zu werden. Aber wie man sieht: das wird wohl nicht so schnell der Fall sein.

Die derzeitige Flüchtlingssituation beschäftigt ganz Europa, ja die ganze Welt. Wie geht es Ihnen persönlich, wenn Sie diese Menschen auf der Suche nach einer neuen Heimat sehen?

Ich finde das furchtbar. Selbst wenn diese Menschen bei uns untergebracht werden und gut versorgt werden, ist das einfach schrecklich. Weg von der Heimat, weg von der Familie, der gewohnten Umgebung und ihrem gewohnten Umfeld - noch dazu ohne Sprachkenntnisse. Ohne Arbeit fühlen sich viele dieser Menschen verloren.

Generell ist die Situation nichts Neues für mich. Schon seit 20 Jahren kommen Menschen zu mir, die viel Leid und Schrecken über sich ergehen lassen mussten - und müssen. Mir ist gar nichts anderes übriggeblieben, als zu helfen. Derzeit ist es aber besonders hart. Kein Mensch wusste vor seiner Geburt, wo er auf die Welt kommt und wie er dort behandelt wird...

Welche Schritte müssen seitens der Politik gesetzt werden, um Flüchtlinge integrieren zu können und ihnen eine Perspektive zu verschaffen?

Es müssten Gesetze geschaffen werden, nach denen alle Menschen gleich behandelt werden. Es dürfen hier keine Unterschiede gemacht werden. Flüchtlinge sind Menschen, wie wir. Und sie haben dieselben Ansprüche: sie brauchen ein Dach über dem Kopf, brauchen etwas zu essen, müssen die Sprache erlernen, damit sie in die Schule und in weiterer Folge arbeiten gehen können. Vor allem die Kinder brauchen anfangs Unterstützung in der Schule. Wir wollen ihnen mit unserer Institution die „Rutsche legen“ zur Selbständigkeit. Hier sollten die Politiker auch einmal mehr auf uns hören.

Ihr teilweise selbstloses Engagement gilt als vorbildhaft. Braucht es mehr Zivilcourage in unserer Gesellschaft?

Das weiß ich nicht. Ich persönlich mache das, weil ich denke, es gehört einfach so. Mittlerweile haben sich viele Gleichgesinnte angeschlossen und unterstützen die Arbeit mit den Flüchtlingen und Asylbewerbern. Gerade auf den Bahnhöfen in Österreich oder an den Grenzen zeigt sich ganz deutlich, wie viel die Menschen hierzulande bereit sind, zu tun und zu helfen. Die Leute haben Courage bewiesen, jetzt braucht es die Unterstützung der Politik.

Woher nehmen Sie Ihre Kraft bzw. was ist Ihre Motivation?

Kraft schöpfe ich daraus, dass mir vieles gelungen ist. Ich habe mich jedes Mal gefreut, wenn etwas funktioniert hat. Und wenn mir etwas gelungen ist, bin ich es beim nächsten Mal mit noch mehr Enthusiasmus angegangen. Dieser Erfolg für die gute Sache motiviert mich! Ganz wichtig ist mir, bei all den Dingen, die ich mache, immer der Humor gewesen. Man muss alles mit Humor angehen.

Es gibt viele Vorurteile gegenüber Flüchtlingen. Viele Menschen haben Angst. Wie lassen sich Vorbehalte und Ängste entkräften?

Indem man versucht zu beweisen, dass diese Vorurteile einfach nicht stimmen. Das versuche ich auch immer wieder aufs Neue unter die Leute zu bringen.

Ein gutes Beispiel für das kulturelle Miteinander sind die Wohnprojekte: hier leben Menschen aus 36 Nationen zusammen. Alle unter einem Dach. Dabei spürt man sofort die Atmosphäre des friedlichen Zusammenlebens. Hier gibt es keine Unterschiede, nur Menschen.

„Wir schaffen das“, meinte die deutsche Bundeskanzlerin Merkel. Was meinen Sie zu dieser Aussage?

Ich finde, wir müssen das schaffen. Das ist der Unterschied zur Aussage von Frau Merkel. Wir haben ja auch keine andere Wahl. Ich kann nicht sagen: „Fahrt alle wieder heim, wir schaffen das doch nicht“.  

Was war Ihr bisher schönstes Erlebnis im Zusammenhang mit der Flüchtlingshilfe?

Es gibt viele schöne Erlebnisse. Ich freue mich über jede einzelne Person, der ich helfen konnte. Über jeden Einzelnen, der es später selbst geschafft hat, sich gut zu integrieren, freue ich mich. Am allerschönsten ist es aber, wenn Schulkinder mich besuchen kommen und sich bedanken, dass sie in die Schule gehen können...

 

*Wir trauern um Frau Bock - Ute Bock ist am 19. Januar 2018 verstorben. Mit ihr geht eine starke und vor allem mutige Kämpferin für Solidarität und Zivilcourage von uns.